Historie der Pommernschafe vor 1982



Wie alt sind die Pommernschafe?

Wo kommen sie her? Sucht man nach der Vergangenheit der Rauhwolligen Pommerschen Landschafe, findet man den Hinweis auf eine Abstammung vom Zaupelschaf und dem Hannoverschen Schaf. Zum Zaupelschaf findet sich dann noch ein klein wenig mehr, Steinschafe und Waldschafe stammen auch von ihnen ab und: die sind in Europa mal stark verbreitet gewesen. Doch wie sahen sie aus und wann war das? Über das Hannoversche Schaf findet sich bei einfacher Suche gar nichts. Außerhalb der Erwähnung als Vorfahren der Pommernschafe scheinen sie nicht zu existieren. Sambraus erwähnt in seinem Farbatlas Nutztierrassen (Quelle 1) diese Abstammung – leider ohne Quellenangabe (in dem Farbatlas werden alte gefährdete Haustierrassen vorgestellt). Eins der aktuellsten , die ich über Pommernschafe gelesen habe (1995, Gunhild Kurt-Kun)(Quelle 2), geht auf die Geschichte der Pommern ein. Hier taucht der Hinweis, dass die RPL von hannoverschem Schaf und Zaupelschaf abstammen ebenfalls auf, diesmal mit Quellenangabe: „Fitzinger“ wird genannt–meine Schwierigkeiten einen Anfang zu finden sind übrigens der Grund für die Literatur und Linkliste, die ganz unten angefügt ist -- nachlesen erwünscht!

Bild 1: Graue Pommern mit dem heute rassetypischen schwarzen Kopf. Unsere Herde im Sommer 2017, Foto: Karin Höller

Also auf und Herrn Fitzingers Werk suchen! Ich stellte mich auf staubige Tage in Archiven ein, hoffte auf die erreichbaren Bibliotheken der Uni Hannover oder der tierärztlichen Hochschule Hannover, plante schon einen Urlaubstag und dachte mir, ich könnte ja schon mal versuchen, die Bücher im Onlinekatalog zu finden….. Damit, dass „der Fitzinger“ und viele weitere Bücher digitalisiert und online lesbar waren, hatte ich nicht gerechnet, es wurde ein langer Abend!

Das polnische oder pommersche Landschaf

Aus dem 18.Jh gibt es einiges an Büchern über Schafzucht, jedoch ohne Beschreibungen des Aussehens der Schafe. Thema der Autoren war die Veredelung der hiesigen Schafe. Die Wolle war den Züchtern und Wollproduzenten zu grob, zu bunt und die Ausbeute war gering. Verbessert werden sollte das durch Merinoschafe. Die kamen aus Spanien, wurden entweder rein gezüchtet oder in die Landrassen eingekreuzt und hatten begehrte weiche, sehr feine und weiße Wollen. 1766 und 1767 kamen Merinoschafe in Sachsen an und begründeten die berühmte sächsische Merinozucht, die wurden nach Australien und Neuseeland mitgenommen/exportiert und beeinflussten bereits im 19.Jh die hiesigen Wollmärkte, indem sie die hiesigen Qualitäten übertrafen und die Preise zum Fallen brachten.
Um die Zeit als die Merinoschafe eingeführt wurden, wurden auch moderne englische Rassen (Quelle 3) die auf die Zuchterfolge von Robert Bakewell zurückgingen, eingeführt, gezüchtet und eingekreuzt. Robert Bakewell hat die moderne Schafzucht entwickelt und durch Inzucht und gezielte Zucht enorme Erfolge erzielt. Auch diese englischen Schafe hatten weiße Wollen, sie waren aber zusätzlich auf Frühreife und enormen Zuwachs für die Produktion von Fleisch gezüchtet worden. Auch hier schien der Gewinn wesentlich einfacher zu erzielen sein als mit den alten Schafen. -Es wird aber auch immer wieder berichtet, dass Veredelungsversuche scheiterten: die größeren, auf schnelleres Wachstum ausgelegten Schafe hatten auch einen erheblichen Futterbedarf, der nicht immer gedeckt werden konnte -die alten Schafe hingegen waren extrem genügsam.
In „Über die Racen des zahmen Schafes“ 1859-1860 (4 Bände), von Leopold Fitzinger, erscheinen endlich detaillierte Beschreibungen über die Schafrassen. Fitzinger bezieht sich dabei bezüglich der Pommern auf ältere Berichte, in denen durchweg der Name „polnisches Landschaf“ genutzt wird. Das sind zwei Artikel / Absätze aus 1818 von Germershausen (4) und von Walther (5) , der sich auf Stumpf (6) bezieht, der die Schafe bereits 1785 erwähnt hat: Das polnische Landschaf ist klein, hat keine Wolle am Kopf, wenig Bauchwolle und die Wolle ist grob. Über die Farbe wird nicht berichtet. Erwähnenswert finde ich Germershausens folgende Feststellung (1818!): „die Veredelung der Schafe ist soweit gediehen, dass man die ursprünglichen kaum noch findet. Vor den spanischen wurden bergamer, paduaner, friesische, englische und andere Rassen eingesetzt“ (mit den spanischen sind die Merinos gemeint, Bergamer und Paduaner sind alte italienische Rassen)
Bei Fitzinger klingt es so, als ob die alten Schafe noch üblich wären, was aber nicht nur der Aussage Germershausens (40 Jahre zuvor) widerspricht, sondern vielen anderen zeitgenössischen Berichten. Wann und wie Fitzinger (1802 geboren) seine Beschreibungen sammelte geht aus den Büchern nicht hervor, aber sie bilden eine einzigartige Sammlung der damals bestehenden „Schafracen“. Bei Fitzinger findet sich dann erstmals auch die Bezeichnung pommersches Landschaf (7) und endlich wird die vielzitierte Abstammung von hannoverschem Landschaf und Zaupelschaf erläutert. Interessant ist die Beschreibung des hannoverschen, ein Kapitel zuvor: er bezeichnet dieses als Blendling (Kreuzung) aus der Heidschnucke und dem Zaupelschaf!

Bild 2: bunte Skudden, mit außergewöhnlich dunklen Köpfen. Sahen so die Pommerschen Landschafe aus, die Fitzinger beschreibt? Foto: Claudia Schulte

Beschrieben wird das pommersche Schaf von ihm wie folgt: „Der Kopf ist ziemlich klein, die Stirne flach, der Nasenrücken schwach gewölbt. Die Ohren sind nach seit-, und gewöhnlich auch nach abwärts gerichtet. Die Widder sind meistens, die Schafmütter aber weit seltener gehörnt. Die Hörnerform ist fast dieselbe als beim gemeinen deutschen Schaf. ….. Die Färbung ist verschieden, indem sie bald einfarbig röthlich- oder graulichbraun, schwarz oder gelblichweiss erscheint, bald aber auch braun oder schwarz auf weissem Grund gefleckt. Nicht selten sind der Kopf und die Beine mehr oder weniger dunkelbraun und bisweilen sogar schwarz gefärbt.“
Diese Schafe – Zaupel, hannoversches Landschaf, Heidschnucke und eben auch pommersches Landschaf, sind klein. Die Widerristhöhe wird in Zoll und Fuß angegeben, aber da diese Maße noch nicht genormt waren, kann ich das nicht nachvollziehen. Das Gewicht wird in Pfund angegeben, und da war man wohl schon bei einem halben Kilogramm. Das Zaupelschaf sollte 40-70 Pfund haben, das hannoversche Landschaf 30 (Hammel) wohingegen Mutterschafe dieser „Race“ nur 20 Pfund schwer wurden. –Das pommersche Landschaf soll von der Größe dazwischen liegen und man kann es sich wohl in Größe eines Ouessantschafes vorstellen – die Gewichte beziehen sich auf ältere Tiere, Lämmer wurden noch nicht geschlachtet. Ouessantschafe sind die kleinste Schafrasse der Welt, werden auch Bretonisches Zwergschaf genannt. Sie gehören zur Gruppe der Wikingerschafe und sollen auf der Ille d’Ouesseant vor der Bretonischen Küste entstanden sein. Man geht davon aus, dass sie aus Nahrungsmangel und Inzucht verzwergt sind- mir drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass sie als einzige Schafrasse nicht gewachsen sind…. (siehe unten)

Bild 3: die Bockherde von Hartmut Glahmann in Waren, Pommern und Ouessant Böcke, beide im Herdbuch– so ungefähr könnte der Größenunterschied zwischen jetzt und damals gewesen sein….. Foto: Karin Höller

Fitzingers Einteilung der Rassen wird später kritisiert, von Bohm von dem ich gleich berichte, bekommt er sein Fett ab, aber auch andere widersprechen ihm. Die Abstammung des pommerschen Landschafes vom Zaupelschaf scheint allgemeiner Konsens zu sein, nicht aber die vom hannoverschen Landschaf und damit sollte es keine (enge) Verwandtschaft zur Heidschnucke geben. Die Rassebeschreibungen von Fitzinger bilden eine Art Fixpunkt und werden immer wieder zitiert- entweder um etwas zu belegen oder um sie anzuzweifeln!
Im Katalog „Landwirtschaftliche Ausstellung 1863“ –die in Hamburg stattfand, in dem neben Pferden, Rindern, Schweinen mehrere 100 Schafe (meist Merino, aber auch „moderne“ englische Rassen) aufzählt wurden- finden sich unter den Kreuzungstieren drei aus pommerschem Landschaf und Lincoln.(8) Lincolnschafe sind eine der englischen Rassen, die auf Bakewells Zucht zurückgehen. Sie zeichnen sich durch lange Wolle aus. Ein Buch mit Fotografien und Zeichnungen der Ausstellungstiere wurde herausgegeben - wie man sich denken kann ohne eine Zeichnung der pommerschen Kreuzungen….- trotzdem sehenswert! (9)
Ein bisschen seltsam, aber auch interessant ist ein Heft von Knauer: „Das Zukunftsschaf Norddeutschlands“(10) , in dem er auf spanische und englische Rassen /Einkreuzungen schimpft und schreibt, dass es keine ursprünglichen Landschafe mehr auf den Weiden gibt und dann zu guter Letzt seine eigene Southdown Zucht bewirbt. (1872) Die Southdown sind eine englische Landrasse, später Fleischschafrasse, die zu dieser Zeit sehr beliebt war und in zahlreichen deutschen Schafrassen eingekreuzt wurde – und wie berichtet wird, auch in die pommerschen Landschafe.

Und dann durfte ich doch noch in eine „richtige“ Bibliothek!

Der vielzitierte I. Bohm, Lehrer für Schafzucht am landwirtschaftlichen Institut der Universität Gießen, soll 1878 im ersten Theil seines zweiten Bandes „Die Schafzucht nach ihrem jetzigen rationellen Standpunkt“ (11) die damaligen Rassen beschrieben haben. Im Gegensatz zu Band I über Schafwolle, der online verfügbar ist, fand sich Band II dort nicht – aber in der analogen Bibliothek der Tierärztlichen Hochschule Hannover, was ja wie erwähnt, in erreichbarer Ferne liegt. Das Lesen in einem richtigen Buch war dann schon cool. Wer das schon alles in der Hand hatte? Ein Exemplar, das nebenbei auch noch die Geschichte der Bibliothek erzählte: die Stiftung tierärztliche Hochschule war früher einmal die Heeres-Veterinärakademie Hannover, wie einer der alten Bibliotheksstempel bezeugte.

Bild 4: Bohms Theil I seines Bandes II „Die Schafzucht nach ihrem jetzigen rationellen Standpunkt“ -ein richtiges Buch. Foto: Karin Höller

Und neben dem pommerschen fand ich dort auch das hannöversche Landschaf (diesmal mit ö geschrieben) wieder und das bayrische Zaupelschaf, dessen Nachfahren wohl jetzt als Waldschaf durch die Lande laufen, als gehörnter naher Verwandter der Pommernschafe. Die Schafe sind seit Fitzingers Beschreibung ein wenig größer geworden (18 Jahre sind vergangen seit die Bände von Fitzinger herauskamen, wie alt dessen Beschreibungen waren wissen wir- wie oben erwähnt - nicht). Bohm schreibt von 60cm Widerristhöhe beim bayrischen Zaupelschaf als Höchstmaß der Widder, die pommerschen Landschafe seien größer, sehr unterschiedlich je nach Futterangebot, aber immer etwas größer als die Zaupelschafe -- immer noch klein, wie Skudden (auch ein Wikingerschaf) etwa….

Bild 5: vorne Waldschaf-Jungbock in schwarz (mit außen verbräunter Wolle), ein hell- brauner Skuddenbock und dahinter ein Waldschafbock in -für diese Rasse seltenem- pommerngrau. Die Waldschafe sind heute etwa so groß wie Pommern, die Skudden so groß wie die pommerschen Landschafe zu Bohms Zeiten. Bockherde vom Hof Ascheloh, Foto: Karin Höller

Die pommerschen Landschafe haben in Bohms Band keine Hörner mehr und er berichtet von Einkreuzungen mit Southdown, und bei einem Züchter mit Lincolnschafen. Sie sind schmutzigweiß aber es gibt auch zahlreiche graue, braune und gefleckte (das braun könnte sich auch auf verbräunte Wolle schwarzer Tiere beziehen, dass es so viele braune gab ist recht unwahrscheinlich). Die Gesichter sind meist in der Farbe der Wolle aber es gibt auch gefleckte Gesichter bei einfarbigen Vliesen (ob damit nun echte Flecken gemeint sind, oder Muster wie Mehlmaul und Augenringe?). Allerdings finden sich die ursprünglichen Schafe fast nur noch bei ungebildeten Züchtern. Die großen Gutsherden in Pommern und Preußen bestehen zu dieser Zeit teilweise aus englischen Fleischschafen/Kreuzungen damit aber größtenteils aus Merinoschafen, und aus Kreuzungen mit Merinoschafen. Diesen lagen aber wohl keine mischwolligen Landschafe (Zaupelschafe) zugrunde, sondern schlichtwollige Landschafe, die extra für diesen Zweck im Westen Deutschlands eingekauft wurden. Hüllungsschafe hingegen waren häufig vom alten Schlag. Bei den Hüllungsschafen h andelt es sich um Schafe der Schäfer und Bediensteten, die in der Gutsherde mitlaufen durften. Die dusseligen Leute halten an den alten Schafen fest, und der Schäfer (so wird vermutet) bevorzugt diese auch noch, da sie ihm oder Freunden gehören. Ich frage mich ja warum die so dusselig sind (dusselig schreibt er natürlich nicht, „wir (finden) dasselbe nur noch dort, wo intelligenter Wirthschaftsbetrieb und rationelle Züchtung noch keinen Boden gefunden haben“ ist seine Formulierung).

Bild 6: Magerwiesen in den Zickerschen Bergen, Mönchgut, Rügen – karges Futter für genügsame Schafe, die zarten weißen Blüten sind wilde Möhre, die auf fetteren Weiden schon mal einen Meter hoch werden. Foto: Karin Höller

Pommernwolle lässt sich nach meiner Erfahrung ohne viel Arbeit direkt aus dem Vlies, ohne große Vorbereitungen verarbeiten! – Von den Merinowollen, habe ich (bei Bohm) gelesen, dass die gut gewaschen werden müssen, weil sich außen eine klebrige Schicht aus Dreck und Wollschweiß bildet, das Lanolin sehr zäh sein kann. Außerdem ist die Wolle der alten Schafe nicht nur weiß, was soll ich bei der Arbeitskleidung mit weißer Wolle? Die wird doch sofort dreckig! und mit den verschiedenen Naturfarben kann ich Muster stricken. Ich persönlich finde ja, dass Pommernwolle viel besser wärmt als Merinowolle- die unterschiedlich feinen und groben Fasern der Mischwolle (Mischwollen allgemein!) bilden viele Luftkammern im Garn, isolieren gut. Soll der Bürger in der Stadt doch frieren, wir bleiben bei der Pommernwolle! Die alten Landschafe sind genügsam und haben weniger Krankheiten als die Merinoschafe – so Bohm - und sie liefen ja nicht nur als Hüllungsschafe, wo sie gut versorgt wurden, sondern grasten auch am Wegesrand und auf Flächen die der Gutsbesitzer für seine Schafe nicht nutzen konnte, weil sie zu karg waren. Noch heute ist das „Tüdern“ der Schafe auf Rügen bekannt. Zwei Schafe werden zusammen an Stricken die sich dank pfiffiger Ösen nicht „vertüdern“, angebunden um auch noch die kleinsten Flächen und Wegesränder nutzen zu können. Bohm berichtet, dass die Hüllungsschafe dann – gut gemästet – als Schlachttiere verkauft und durch neue magere ersetzt wurden. Ziemlich schlau, und ein guter Nebenverdienst für Schäfer und Bedienstete! Bohms Bände sind wirklich großartig, ausführlich und sehr informativ, aber das konnte ich so nicht stehen lassen!

Bild 7: Pommernlamm, ganz in schwarz, so sehen sie heute aus. Ulrich Gaede beschreibt 1926, dass schon bald nach der Geburt silberne Wolle durchschimmert- das kommt vor, ist aber nicht mehr die Regel. Foto: Karin Höller

Das grauwollige Landschaf

1926, berichtet Ulrich Gaede(12) in einer Dissertation über die Schafe, die er grauwollige Landschafe nennt. Das rauh im Namen sei entstanden, weil sich das Vlies beim überstreichen des Tieres mit der Hand rauh anfühle, die Wolle sei aber weich, deswegen nennt er sie Grauwoller. Er bezieht sich dabei auch auf ältere Nennungen, die mir leider nicht über den Weg liefen. Gaede berichtet wo die Grauwoller wie gehalten werden, welchen Nutzen die Wolle hat, wieviel Wollertrag vom Schaf kommt, welches Futter sie brauchen etc. Zu dieser Zeit befindet sich die Zucht in gutem Stand, es gibt mehrere große Stammherden und große Schäfereien, die grauwollige Landschafe halten.
Er beschreibt es als Schaf mit schlichter Wolle, schwarzem Kopf und schwarzen Beinen. „Das Tier hat als Lamm eine schwarz gekräuselte Wolle mit bläulichem Grundton“ die helle Wolle schimmere bald nach der Geburt durch und wird dann im Laufe des ersten Jahres immer heller, „….. so dass die Wolle schließlich eine eisgraue Farbe annimmt. Beide Geschlechter sind ungehörnt, jedoch kommen hin und wieder gehörnte Böcke vor, die aber nicht erwünscht sind und zur Zucht nicht benutzt werden.“ (S. 9) Ich vermute ja, dass die von ihm beschriebenen Eisgrauen–(auch aufgrund eines Fotos vom Zuchtbock Jakob in seiner Dissertation) - keinen rein schwarzen Kopf hatten, sondern Mehlmäuler aufwiesen. „Anders Graue“ – ohne Mehlmaul / mit dunklerer Wolle werden nur indirekt erwähnt, aber nicht genauer beschrieben. Ebenso erwähnt er Einflüsse von Southdown, Hampshire Down und Shropshire– die beiden letzteren sind etwas modernere Englische Rassen, die u.a. auf die erste zurückgehen. Die Beschreibung des Aussehens ist noch spärlicher als bei Bohm und Fitzinger.

Bild 8: Eisgrau? Die –heute grau genannten – hellgrauen Pommernschafe haben häufig Mehlmäuler, wie es Annegret auf diesem Bild andeutet. Je nach Jahreszeit ist das mehr oder weniger deutlich zu sehen. Deswegen vermute ich, dass dies in der kurzen Beschreibung bei Gaede einfach unter den Tisch fiel…. Heute sind genauso viele graue wie graublaue, blaugraue und blaue Vliese in den Herden, zu Gaedes Zeiten waren es jedoch überwiegend graue. Foto: Karin Höller

1955 erwähnt Frau Heidler (auch in einer Dissertation) auch die anderen Grautöne, ebenfalls ohne weitere Details (13). -1955 soll es noch 110.000 rauhwollige Landschafe gegeben haben, 1962 wurden dann zum letzten Mal auf einer Landwirtschaftsausstellung drei Rauhwollige Landschafe vorgestellt. Danach befand sich das RPL oder rauhwollige Landschaf, wie es in der DDR genannt wurde, im Untergrund.
1982 fing man auf Rügen mit 7 Böcken, 46 Mutterschafen und 4 Jungschafen von 11 Züchtern mit der Erhaltungszucht an (ein paar Schafe und Züchter stießen in den nächsten Jahren noch dazu). 1979 war Ewald Svensson im Westen mit seiner Herde bereits in das Baden-Württembergische Zuchtbuch eingetreten. Die enge Genetik der alten Landschafrassen (die eher die Regel als die Ausnahme zu sein scheint), durch die wenigen überlebenden Individuen verursacht (eigentlich ja mehr durch die vielen, die nicht überlebt haben) nennt man auch Flaschenhals. In den 70ger und 80ger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden viele der alten Rassen die bei kleinen Züchtern/in kleinen Beständen überlebt hatten gerade noch gerettet. Mir fallen spontan die Skudden ein, Bentheimer Landschaf, Krainer Steinschaf, Coburger Fuchsschaf. Viele sind aber auch verloren gegangen, wie z.B. das hannöversche Schaf. Bei den RPL hat man auf den 7 Böcken 7 Bocklinien begründet und durch ein Linienrotationsverfahren Inzuchtprobleme vermeiden können.
Diese alten Rassen sind unser kulturelles Erbe, sie haben viele tolle Eigenschaften, nur die eine nicht: man kann keinen Profit mit ihnen machen (ok, das ist in der Schafzucht allgemein schwierig). Ob wir diese Genressource noch einmal brauchen werden? Keine Ahnung, aber wenn sie aussterben gibt es keinen Rückweg - die Bestände der RPL sind aktuell wieder fallend mit 1500 Mutterschafen im Herdbuch gerade noch stabil. Wer also darüber nachdenkt, sich ein paar Schafe anzuschaffen, sollte sich bei diesen schönen und genügsamen alten Rassen umsehen. Wer Wolle sucht, Abwechslung haben möchte zum Null-acht-fuffzehn, bekommt sie bei den vielseitigen Wollen der alten Landschafe und das nicht nur in Weiß, sondern in schönen Naturtönen. Die Tiere werden liebevoll und artgerecht gehalten und haben nebenbei in der Regel noch Landschaftspflege betrieben und artenreiches Grünland für unsere sechsbeinigen Freunde, die Insekten erhalten.
Da wir nun in der Gegenwart angekommen sind, möchte ich noch erwähnen, dass es bei den hier rausgepickten Beschreibungen um „Äußerlichkeiten“ geht. Der Pommernzüchter schätzt an seinen Tieren nicht nur die vor der Witterung schützende –graue- Wolle, sondern insbesondere die guten Muttereigenschaften, die Fähigkeit sich ohne Hilfe des Menschen um die Lämmer kümmern zu können, leichte Geburten, ausreichend Milch zu haben. Genügsamkeit – aus Energie armem Grundfutter wie Gras und Heu viel herausholen können, Marschfähigkeit- weite Strecken dank guter Beine und Klauen problemlos zurücklegen, wie es guten Landschafen zu eigen ist.

In Kürze:

Die polnischen oder pommerschen Landschafe waren im 19.Jh winzige Schafe, in der Größe von heutigen Ouessant oder Skudden. Die Widder hatten teilweise Hörner, die Muttern selten, die Wolle war grob, von der Farbe her waren die Schafe (man möchte Schäfchen schreiben) recht bunt: schmutzigweiß, schwarz, braun, grau, gefleckt - allerdings gab es schon auffallend viele Tiere mit dunklen Köpfen und Beinen. Von wollfreien Köpfen und mangelnder Bauchwolle habe ich auch gelesen. Wenig später bei Bohm scheinen sie etwas weiter entwickelt zu sein, ein wenig größer, hornlos aber auch heller.
Bis 1926, als Gaede über die grauwolligen Landschafe berichtet, ist also einiges passiert. Sie sind größer geworden, sind grau, haben schwarze Köpfe (wenn auch vermutlich mit weißen Abzeichen), die Wolle ist länger, weicher, teilweise dichter, die Tiere sind hornlos, sie sind ungefleckt. Die Köpfe sind unbewollt, können aber einen Schopf (Wollbüschel auf der Stirn) aufweisen. Über die schwarzen Lämmer, die es heute ausschließlich gibt, habe ich dort das erste Mal gelesen.
„Abweichungen“ bei RPL können also auf alte Zaupel-Gene zurückgehen: weiße Schwanzspitzen, die bei Züchtern verpönt sind, beschreibt Bohm schon 1878. Hörner aber auch diverse Muster (auf Agouti-Allelen) die „irgendwie“ grau sind, gab es bei den Zaupelschafen vermutlich schon und tauchen heute, wenn auch selten wieder auf. Und wer weiß, vielleicht sind die Zaupelschafe auf Rügen besonders dunkel gewesen, weil damals in der Ralswieker Siedlung die Wikinger ihre grauen nordischen Schafe dabei hatten? Möglich ist vieles. Und dann gibt es noch von den Züchtern wertgeschätzte Eigenschaften, die den vermuteten Einkreuzungen z.B. der Downrassen (englische Schafe aus den „Downs“: Southdown, Hampshire Down) zuzuschreiben sind, wie Bauchwolle aber auch Größe und Hornlosigkeit. Die Pommern scheinen viele uralte Eigenschaften zu haben, sind eine der wenigen Rassen in Deutschland, die die gRAUHe Wolle bewahren konnten. Wie andere der alten Landschafe wurden sie Mitte des 19.Jh erstmals mit Namen genannt (pommersche Landschafe: Fitzinger, 1860), sind aber wie andere nicht unverändert geblieben.
Heute ist man dazu übergegangen, den Spuren der Schafe über ihre Gene zu folgen – das hat Irina Böhme auf Driftwool (13) verständlich aufgedröselt: Schafe, wo kommen sie her?

Der Ralswieker Handschuh,

ist ein prähistorisches Fundstück, das mit den rauwolligen pommerschen Landschafen in Verbindung gebracht wird und deswegen hier auch Erwähnung finden soll. Der Ralswieker Handschuh ist sehr gut erhaltener Wollhandschuh der auf Rügen – Heimat der Pommernschafe-, in der Siedlung Ralswiek gefunden wurde. Der Handschuh ist gewebt und die Teile sind zusammengenäht. Die Wolle ist auch verfilzt, Filzen war aber zu dieser Zeit vermutlich noch keine bekannte Technik, so dass man davon ausgeht, dass der Filz beim Tragen entstand.
In den 1960ger Jahren ist Peter Herfert(15) bei Ralswiek einem Städtchen im Norden der Insel Rügen auf der Suche nach einem Gräberfeld gewesen, von dem er gehört hatte. Er fand das Gräberfeld und bei Ausgrabungen in dessen Nähe eine Siedlung und einen Seehafen mit gut erhaltenen Schiffswracks, von dem aus im Ostseeraum gehandelt wurde. Die Siedlung/ der Hafen waren von Mitte des 7.Jh bis ins 12. Jh hinein bewohnt. Auf Rügen lebten zu der Zeit die Ranen, ein Volk der Slawen(16) , die auch die Bevölkerung auf dem Festland bildeten. In Ralswiek lebten aber auch Wikinger. Bei den Ausgrabungen wurden nun also (unter anderen Funden) gut erhaltene Textilien gefunden, man geht davon aus, dass diese dort hergestellt wurden, bei einem Seehandelshafen könnte man ja sonst auch anderes vermuten. Die Textilien – der Handschuh, ein Kinderschuh und anderes was nicht genau zuzuordnen war, sehen auf Bildern graubraun bis braungrau aus. -ich habe kein Foto, dass ich hier verwenden kann, aber die Rekonstruktion des Handschuhs ist auf einer Webseite dargestellt. (17)
Gewebt hat man zu dieser Zeit auf Gewichtswebstühlen, die Kette (das ist der gespannte Faden der auf und ab gehen muss) war mit Gewichten gespannt, der Webstuhl stand dabei aufrecht an einer Wand. Gewebt wurde in Köperbindung, da geht nicht ein Faden rauf, einer runter sondern zwei rauf, einer runter und in der nächsten Reihen verschiebt sich das um einen weiter – dabei entsteht ein dichtes Gewebe das auch noch ein Muster bekommt. – Tweed wird z.B. heute noch so gewebt oder Denim, aus dem Jeans hergestellt werden.

Bild 9: blaue Kettfäden und grauer Schuss- Leinenbindung mit Garn aus Pommernwolle auf einem Webrahmen. Bei der Leinenbindung geht der Schuss abwechselnd über und unter dem Kettfaden durch Foto: Karin Höller

Auf einer Seite über Pommernschafe kursierte für den Handschuh mal ein Alter von 3600 Jahren. Wie das entstanden ist, konnte ich nicht mehr nachvollziehen, vielleicht ist die Jahreszahl versehentlich vor Chr. verortet worden? – Tatsächlich wird der Handschuh auf das 9.-10. Jh. datiert und ist damit gut 1100 Jahre alt, immer noch ein stolzes Alter! Die Wolle ist grob, mischwollig (= besteht aus Wollfasern und Haaren) und graubraun, da fallen einem die Pommern doch zwangsläufig ein, und: Ralswiek liegt auf Rügen, dem Stammzuchtgebiet der Pommern! Waren das schon Pommersche Landschafe? Die Slawen waren in Begleitung des „Zaupelschaf“ genannten Schafes auf ihren Völkerwanderungen unterwegs, aber auch die Wikinger nahmen ihre Schafe: „Wikingerschafe“ oder „nordische kurzschwänzige Heideschafe“, wie sie heute genannt werden, eigentlich überall mit hin (und auch die Wikingerschafe haben eine Mischwolle!). Wollfunde – die allgemein sehr selten sind und selten so gut erhalten wie diese- und Knochen- /Hornfunde- sind die Quellen die aus dieser Zeit über Schafe erzählen können. Ich weiß nicht, ob es in Ralswiek auch Knochenfunde gab. Das Ganze ist sehr interessant, aber auch sehr vage und ob die Schafe die die Wolle für den Handschuh lieferten tatsächlich die Ururahnen der Rauhwolligen Pommerschen Landschafe waren, kann wohl niemand beantworten. Auszuschließen ist es aber auch nicht!

Bild 10: Köper, zwei rauf zwei runter und in der nächsten Reihe um eine Kettfaden versetzt. Bei diesem Karomuster sieht man die Querstreifung die dadurch entsteht. Foto: Karin Höller

Graue Wolle

Auf das falsche Alter des Ralswieker Handschuhs bin ich zuerst in einem Artikel im Rügenjahrbuch 2019(18) gestoßen, in dem viel Interessantes über Schafe um Stralsund herum geschrieben wird. In dem Artikel – von Gabriele Poggendorf - heisst es weiterhin, dass in Archiven Berichte über graues Tuch aus Stralsund zu finden sind. Das graue Tuch wurde in der Region aus den dortigen Wollerträgen hergestellt und war ein wichtiges Handelsgut- vom 14.Jh bis ins 17.Jh. hinein. Leider gibt es keine direkten Berichte über die Schafe. Frau Poggendorf schreibt, dass 1723 im damals schwedisch regierten Stralsund bunte Schafe verboten wurden, wenige Jahre später erneut und dann wohl noch einmal Ende des Jahrhunderts. Sie schreibt, dass der Regierungspräsident des Regierungsbezirks Stralsund, Karl R. Graf von Krassow an die (inzwischen preußische) Verwaltung berichtete, dass es „1816 138.440 rauhe und 25.670 veredelte Schafe“ gab. 1865 waren es dann „491.000 veredelte und 65.183 rauhe“ Schafe. -- Danach sei der Wollmarkt wegen billiger Wolle aus Australien eingebrochen.

Bild 11: Pommernherde der Familie Westphal beim Umtrieb auf Rügen, Foto: Karin Höller

Die veredelten Schafe hatten Merinoblut in ihren Adern- Merinoschafe kamen aus Spanien und hatten eine feine, weiche und weiße Wolle, die in der boomenden Wollindustrie heiß begehrt war und gut bezahlt wurde- bis die Australier den Markt übernahmen. Die „rauhen“ könnten pommersche Landschafe gewesen sein, grau-schmutzigweiß-bunt mit gröberer Mischwolle, die zum größeren Teil vermutlich der Landbevölkerung oder Fischerfamilien gehörten, die die Wolle selber verarbeiteten. Schafe mit grauer Wolle hat es um Stralsund herum also vermutlich schon lange gegeben- die Vorfahren der RPL?
Am Hadrianswall – einem Teil des Limes, den die Römer in Britannien in der Nähe des heutigen Grenzgebietes zwischen England und Schottland errichteten um den Handel an der Grenze des römischen Reiches kontrollieren zu können und der vom 2.-5.Jh genutzt wurde - wurden Stoffreste aus der Eisenzeit gefunden und untersucht. Dabei kam heraus, dass 40% der gefundenen Wollen weiß waren, 50% grau und der Rest schwarz oder braun(19) . Das ist weit weg von Rügen/ Stralsund, das waren andere Schafe, aber lässt sich da eine Tendenz erkennen? Früher gab es öfter graue Schafe?
Bei meiner Recherche bin ich auf ein „Edict wegen Abschaffung der schwartzen, braunen, griesen und grauen Schafe und Schaf-Böcke“(20) 1722, von Friderich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preussen (Friedrich Wilhelm II) gestoßen. Friderich Wilhelm hatte wohl bereits 1718 den Manufakturen angeordnet, nur noch weiße Wolle zu verarbeiten, doch die hatten kundgetan, dass es an einheimischer weißer Wolle fehle.
Die Tendenz, weiß wollige Schafe zu fördern und bunt wollige zu verbieten war also eine Idee, die mehrfach gezielt umgesetzt wurde. Der Erfolg ist auf den heutigen Weiden zu sehen: fast nur noch weiße Schafe. Weiße Wolle lässt sich einfacher, standardisiert färben. Sogar „Naturtöne“ werden eher gefärbt als einzeln gesammelt und verarbeitet! Nur ein paar alte, heute im Bestand gefährdete Schafrassen blieben mit ihren bunten Vliesen über und liefern uns bis heute echte naturfarbene Wolle.

„Da steh ich nun ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“

Nach der Literatur fühle ich mich Alles in Allem etwas verwirrt, es war interessant, vieles auch widersprüchlich und ein Teil einfach unlogisch. Das Alter des Ralswieker Handschuhs konnte geklärt werden- die gute Nachricht: Wolle ist recyclingfähig und hält doch nicht ewig!
Das hannoversche Landschaf habe ich gefunden, die Abstammung der Pommern davon (und damit von der Heidschnucke!) so wie sie Fitzinger beschreibt scheint jedoch fraglich. Bohm widerspricht dieser Vermutung und beschreibt ein (weißes) hannöversches Landschaf, dass keine Verwandtschaft zur Heidschnucke hat, aber wie das pommersche vom Zaupelschaf abstammt! Es lebte im südlichen Niedersachsen vom Harz bis Ostwestfalen in den hügeligen Gegenden, auch hier im Weserbergland, wo wir unsere RPL züchten. 1878, als Bohm sein Buch schrieb, gründete man in Ostwestfalen die Zuchtvereinigung Teutoburger Schaf –um die Zucht des hannöverschen Landschafes, in das Southdown und später Oxfordshire Böcke eingekreuzt worden waren, nun als Kulturrasse in sich zu stabilisieren und ohne Fremdblut weiter zu züchten. Die Zucht richtete sich an die Produktion von Fleisch, dessen Absatz gut war. (der Wollmarkt war ja bereits Anfang des 19.Jh schwierig geworden) Ein Teutoburger Schaf gibt es unter diesem Namen heute nicht, was aus ihm wurde finde ich hoffentlich noch heraus, aber sympathisch finde ich, dass hier im Weserbergland, und im angrenzenden lippischen Bergland vor über 150 Jahren schon einmal Zaupelschafe grasten!

Karin Höller, Rinteln, April 2019

Bild 11: unsere Herde im Weserbergland, grasen sie dort, wo vor über 150 Jahren die hannöverschen Landschafe weideten?

Literatur und Linkliste



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